Newsletter Nr. 5 / Januar 2009
Highlight
Hochschulkooperationen lassen sich nicht von oben verordnen
Im Jahr 2009 wird die Frage der Hochschulkooperationen im Brennpunkt der Politik stehen. Der Bundesrat wird den Räten die Botschaft zum Bundesgesetz über die Förderung der Hochschulen und die Koordination im schweizerischen Hochschulbereich HFKG vorlegen. Dieses Gesetz unterstreicht sowohl die Notwendigkeit der Förderung des Wettbewerbs als auch der Kooperation zwischen den Institutionen. Ein Interview mit Prof. Urs Würgler, dem Vorsitzenden der Kommission für Planung und Koordination der CRUS und Rektor der Universität Bern.
Herr Würgler, hat die Politik zu grosse Erwartungen an die Hochschulkooperationen?
Ich bin nicht sicher, ob ich weiss, was die Politiker von Kooperationen halten und wie sie diese definieren. Jedoch glaube ich, dass sie dasselbe Anliegen haben wie die CRUS: Wir müssen die Leistung unseres Hochschulsystems verbessern, Jahr für Jahr. Wenn die Politik meint, Kooperationen seien das einzige Mittel dazu, dann sind diese Erwartungen meiner Auffassung nach überzogen. Kooperationen allein reichen nicht aus, und es gibt noch andere Lösungen. Wir müssen alle uns zur Verfügung stehenden Instrumente nutzen. Und genau das macht die CRUS.
Warum glauben Sie, dass Kooperationen allein nicht ausreichen, um das schweizerische Hochschulsystems zu verbessern?
Weil sich Kooperationen nicht von oben verordnen lassen! Meiner Meinung nach sollte eine Kooperation dann umgesetzt werden, wenn sie für Forschung und Lehre sinnvoll ist. Wenn die schweizerischen Universitäten zu klein dazu sind, dass jede für sich in neuen Forschungsbereichen aktiv wird, müssen sie kooperieren. Das haben sie beispielsweise bei SystemsX gemacht, der schweizerischen Initiative auf dem Gebiet der Systembiologie, die auf einer Partnerschaft zwischen den Universitäten und drei Forschungsinstitutionen aufbaut. Der Erfolg von SystemsX beruht darauf, dass in erster Linie die Forscher kooperieren wollten. Erst dann erhielten sie Unterstützung von den Institutionen, und als letzter Schritt folgte die Umsetzung. In umgekehrter Richtung, also von oben nach unten, kann so etwas jedoch nicht funktionieren. Der Zweck einer Kooperation besteht darin, mit den verfügbaren Mitteln bessere Ergebnisse zu erzielen. Und wer wäre besser geeignet, eine Zusammenarbeit zu initiieren, als eine im fraglichen Bereich tätige Person?
Für manche Parlamentarier sind Kooperationen gleichbedeutend mit Einsparungen. Sind die Hochschulen nicht einfach dabei, ihre Pfründen zu verteidigen?
Nein, gewiss nicht. Meines Erachtens gibt es in der Schweiz keinen Bereich, der so dynamisch ist wie die Forschung und Hochschulbildung. Forschungsthemen und Arbeitsmethoden verändern sich schnell. Bei Kooperationen wurden diesbezüglich bereits viele Anstrengungen unternommen und weitere werden folgen. Aber noch einmal: Es ist äusserst heikel, Kooperationen von oben zu verordnen. Sie müssen sich in erster Linie aufgrund der wissenschaftlichen Notwendigkeit und mit Einverständnis der betroffenen Personen entwickeln und nicht etwa nur der Einsparungen wegen. Sonst macht man sich etwas vor. Ausserdem wurden bereits Fortschritte gemacht. So gibt es heute keine Studiengänge mehr mit nur zwei Studierenden und einem Professor, und die Rektorate sind bemüht, Lösungen für die „kleinen” Fächer zu finden.
Welche Gefahren laufen Kooperationen, die von oben verordnet werden?
Solche Kooperationen können die Vielfalt beeinträchtigen, denn sie zielen in der Regel auf Einsparungen und Konzentration. Die Vielfalt ist aber eine wesentliche Qualität der Schweizer Universitäten. Wenn Sie die Fachbereiche vereinheitlichen oder konzentrieren, erzielen Sie kurzfristig möglicherweise Einsparungen. Sie fördern auf diese Weise jedoch nicht die wissenschaftliche Diskussion, die Diversität der Ansätze und die Entwicklung neuer Ideen. Wettbewerb zwischen Forschern und Hochschullehrern ist etwas Sinnvolles. Um ihn zu erhalten, muss die Vielfalt der akademischen Welt bestehen bleiben.
Welche Rolle sollte die CRUS im Hinblick auf Kooperationen übernehmen, wenn diese aus den Fachbereichen heraus initiiert werden? Die der Beobachterin?
Die CRUS kann nicht festlegen, welche Kooperationen in den kommenden Jahren zu realisieren sind. Allerdings kann sie zur Schaffung von Rahmenbedingungen beitragen, in denen fruchtbare Kooperationen entstehen können. Sie muss zudem Prioritäten setzen, damit das gesamte System wettbewerbsfähiger wird.
Was sind das für Rahmenbedingungen?
Die Anerkennung der Studiengänge muss garantiert sein. Auch finanzielle Aspekte sind wichtig. In Bern haben wir beispielsweise die Teilchenphysik übernommen, die in Neuchâtel aufgegeben wurde. Der übertragene Aufgabenbereich wird jedoch nur während vier Jahren finanziert. Kooperationen müssen daher auch in finanzieller Hinsicht attraktiver werden. Schliesslich ist da noch die Frage der Infrastrukturen. Kostspielige Ausstattungen und Geräte müssen allen zugute kommen, und es ist eine Form der Kooperation, sie gemeinsam zu nutzen. Auch hier ist die CRUS gefordert aktiv zu werden.
Wie lassen sich Wettbewerb und Kooperation zwischen Universitäten miteinander vereinbaren?
Diese Gleichung ist nur schwer zu lösen. Ich halte den Wettbewerb für eine gute Sache, wenn sich die Institutionen dadurch profilieren können. Alles, was darüber hinausgeht, schadet jedoch. Die Schweiz ist zu klein, als dass wir uns einem harten Wettbewerb aussetzen könnten. Wir müssen im Gegenteil kooperieren, damit die „Universität Schweiz” sich gegenüber dem Ausland behaupten kann. Wir müssen Kooperationen zwischen Institutionen und Wettbewerb zwischen Personen fördern und dabei die Vielfalt der akademischen Welt in der Schweiz erhalten.
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